Übersetzung der Originalrede vom 6. September 1946
von James F. Byrnes, US-Außenminister
"Ich bin nach Deutschland gekommen, um mich an Ort und Stelle
über die mit dem Wiederaufbau Deutschlands verbundenen Probleme
zu orientieren und die Ansichten der Regierung der Vereinigten
Staaten über einige der vor uns liegenden Probleme mit unseren
Vertretern in Deutschland zu besprechen. Wir Amerikaner haben
diesen Problemen beträchtliche Zeit und Aufmerksamkeit gewidmet,
weil von ihrer erfolgreichen Lösung nicht nur das künftige
Wohlergehen Deutschlands, sondern auch das Europas abhängt.
Wir haben wohl oder übel lernen müssen, daß
wir alle in einer Welt leben, von der wir uns nicht isolieren
können: Wir haben gelernt, daß Frieden und Wohlergehen
unteilbar sind und daß Frieden und Wohlergehen in unserem
Land nicht auf Kosten des Friedens und Wohlergehens eines anderen
Volkes erkauft werden können.
Ich hoffe, daß das deutsche Volk nie wieder den Fehler
machen wird, zu glauben, daß das amerikanische Volk, gerade
weil es den Frieden liebt, in der Hoffnung auf Frieden abseits
stehen wird, wenn irgendeine Nation Gewalt anwendet oder mit
Gewalt droht, um die Herrschaft über andere Völker
oder Regierungen zu erlangen.
Im Jahre 1917 wurden die Vereinigten Staaten zur Teilnahme
am ersten Weltkrieg gezwungen. Nach diesem Krieg weigerten wir
uns, dem Völkerbund beizutreten. Wir glaubten, uns den
europäischen Kriegen fernhalten zu können, und verloren
das Interesse an europäischen Angelegenheiten. Dies schützte
uns aber nicht davor, zum Eintritt in den zweiten Weltkrieg
gezwungen zu werden. Wir wollen jenen Fehler nicht wiederholen.
Wir sind entschlossen, uns weiter für die Angelegenheiten
Europas und der Welt zu interessieren. Wir haben zur Organisation
der Vereinten Nationen beigetragen und glauben, daß dadurch
Angreifernationen davon abgehalten werden, Kriege anzufangen.
Weil wir das glauben, wollen wir die Vereinten Nationen mit
unserer ganzen Macht und allen unseren Hilfsquellen unterstützen.
Das amerikanische Volk will den Frieden. Es hat schon seit
langem nicht mehr von einem strengen oder milden Frieden für
Deutschland gesprochen.
Darauf kam es auch niemals wirklich an. Was wir wollen, ist
ein dauerhafter Friede. Wir werden uns gegen zu harte und von
Rachsucht diktierte Maßnahmen wenden, die einem wirklichen
Frieden im Wege stehen. Wir werden uns zu milden Maßnahmen
widersetzen, welche zum Bruch des Friedens einladen.
Als die Vereinigten Staaten in Potsdam der Entwaffnung und
Entmilitarisierung Deutschlands zustimmten und als sie vorschlugen,
dafür zu sorgen, daß Deutschland für die Dauer
einer Generation entwaffnet und entmilitarisiert bleibt, waren
sie sich auf der ihnen und ihren Hauptverbündeten ruhenden
Verantwortung für die Aufrechterhaltung und gesetzmäßigen
Durchführung des Friedens wohl bewußt.
Die Befreiung vom Militarismus wird dem deutschen Volke Gelegenheit
geben, seine großen Kräfte und Fähigkeiten den
Werken des Friedens zuzuwenden. Es braucht sie nur zu ergreifen.
Sie gibt ihm die Gelegenheit, sich der Achtung und Freundschaft
friedliebender Völker würdig zu erweisen und eines
Tages einen ehrenvollen Platz unter den Mitgliedern der Vereinten
Nationen einzunehmen.
Es liegt weder im Interesse des deutschen Volkes, noch im Interesse
des Weltfriedens, daß Deutschland eine Schachfigur oder
ein Teilnehmer in einem militärischen Machtkampf zwischen
dem Osten und dem Westen wird. Zweimal in einer Generation haben
der deutsche Militarismus und der Nazismus die Gebiete von Deutschlands
Nachbarn verwüstet. Es ist nur recht und billig, daß
Deutschland sein Teil dazu beitragen soll, diese Verwüstungen
wieder gutzumachen. Die meisten Opfer der Naziaggression waren
vor dem Krieg weniger begütert als Deutschland. Deutschland
darf nicht erwarten, daß diese Opfer ohne fremde Hilfe
die Hauptkosten dieser Naziüberfälle tragen sollen.
Die Vereinigten Staaten sind daher bereit, die in den Potsdamer
Beschlüssen über die Entmilitarisierung und die Reparationen
niedergelegten Grundsätze in vollem Umfange durchzuführen.
Wenn Deutschland jedoch nicht in der in den Potsdamer Beschlüssen
vorgesehenen und geforderten Weise als wirtschaftliche Einheit
verwaltet wird, müßten an dem von der Alliierten
Kontrollkommission genehmigten Industrieniveau Änderungen
vorgenommen werden.
Die Grundlage der Potsdamer Beschlüsse war, daß
im Rahmen eines kombinierten Entmilitarisierungs- und Reparationsprogramms
Deutschlands Kriegspotential durch Ausschaltung und Demontage
seiner Kriegsindustrie und durch Verminderung und Beseitigung
schwerindustrieller Anlagen herabgesetzt werden sollte. Es war
vorgesehen, dies soweit durchzuführen, daß Deutschland
ein Industriepotential belassen bliebe, welches ihm die Aufrechterhaltung
eines durchschnittlichen europäischen Lebensstandards ohne
die Hilfe anderer Länder ermöglicht.
Die auf diese Weise zu entfernenden Fabriken sollten als Reparationen
an die Alliierten abgeliefert werden. Die aus der russischen
Zone zu entfernenden Fabriken sollten der Sowjetunion und Polen
zufallen, während die aus den westlichen Zonen zu entfernenden
Fabriken teilweise der Sowjetunion, in der Hauptsache jedoch
den westlichen Alliierten zufallen sollten. Ferner wurde eine
Aufteilung des deutschen Vermögens im Ausland unter den
Alliierten vorgesehen
Nach langen Verhandlungen einigten sich die Alliierten über
den Stand, auf den die hauptsächlichsten deutschen Industrien
zwecks Durchführung der Potsdamer Beschlüsse herabgesetzt
werden sollten. Auf diesen Stand einigte man sich in der Annahme,
daß Deutschlands einheimische Hilfsquellen für eine
auf gerechter Grundlage erfolgende Verteilung an alle Deutschen
in Deutschland zur Verfügung stehen sollten, und daß
die für den Verbrauch in Deutschland nicht benötigten
Erzeugnisse der Ausfuhr zur Verfügung stehen sollten, um
damit die erforderliche Einfuhr zu bezahlen.
Bei Festsetzung des zulässigen Standes der Industrie wurden
keinerlei Reparationsleistungen aus der laufenden Produktion
vorgesehen. Aus der laufenden Produktion erfolgende Reparationsleistungen
würden mit dem nach den Potsdamer Beschlüssen festgesetzten
Stand der Industrie völlig unvereinbar sein. Offensichtlich
hätte ein höherer Stand der Industrie festgesetzt
werden müssen, wenn Reparationen aus der laufenden Produktion
beabsichtigt gewesen wären. Der Stand der Industrie, wie
er festgesetzt worden ist, reicht nur aus, das deutsche Volk
in die Lage zu versetzen, sich selbst zu versorgen und einen
Lebensstandard aufrecht zu erhalten, der den durchschnittlichen
Lebensverhältnissen in Europa annähernd gleichkommt.
Dieser Grundsatz bedeutet erhebliche Härten für das
deutsche Volk, aber er verlangt von ihm lediglich, die Härten
zu teilen, die der Angriff der Nazis dem Durchschnittseuropäer
auferlegt hat.
Dem deutschen Volk wurde jedoch nicht die Möglichkeit
genommen, sein Los im Lauf der Jahre durch harte Arbeit zu verbessern.
Eine industrielle Entwicklung und industrieller Fortschritt
wurden ihm nicht verweigert. Gleich den Völkern anderer
verwüsteter Länder sollte das deutsche Volk den Wiederanfang
mit einer Friedenswirtschaft machen, die nicht imstande ist,
ihm mehr als den durchschnittlichen europäischen Lebensstandard
zu gewähren. Dabei sollte ihm nicht das Recht verwehrt
bleiben, mögliche, auf Grund harter Arbeit und einfacher
Lebensweise erworbene Ersparnisse für den Aufbau einer
Industrie zu verwenden, die friedlichen Zwecken dient.
Dieses war der Grundsatz der Reparationen, wie Präsident
Truman ihm in Potsdam zugestimmt hat. Die Vereinigten Staaten
werden nicht ihre Zustimmung geben, daß Deutschland größere
Reparationen leisten muß, als in den Potsdamer Beschlüssen
vorgesehen wurde.
Die Durchführung der Potsdamer Beschlüsse ist jedoch
dadurch behindert worden, daß der Alliierte Kontrollrat
nicht die notwendigen Maßnahmen getroffen hat, um es der
deutschen Wirtschaft zu ermöglichen, als Wirtschaftseinheit
zu arbeiten. Die notwendigen deutschen Zentralverwaltungskörper
sind nicht geschaffen worden, obgleich die Potsdamer Beschlüsse
sie ausdrücklich verlangten.
Die gerechte Verteilung der lebenswichtigen Güter zwischen
den einzelnen Zonen mit dem Ziel, eine ausgeglichene Wirtschaft
in ganz Deutschland herbeizuführen, und den Einfuhrbedarf
zu verringern, ist nicht in die Wege geleitet worden, obgleich
die Potsdamer Beschlüsse auch dies ausdrücklich verlangten.
Die Vorbereitung einer ausgeglichenen Wirtschaft in ganz Deutschland
zur Beschaffung der für die Bezahlung genehmigten Einfuhr
erforderlichen Mittel ist nicht erfolgt, obgleich auch dies
die Potsdamer Beschlüsse ausdrücklich verlangen.
Die Vereinigten Staaten sind der festen Überzeugung, daß
Deutschland als Wirtschaftseinheit verwaltet werden muß,
und daß die Zonenschranken, soweit sie das Wirtschaftsleben
und die wirtschaftliche Betätigung in Deutschland betreffen,
vollständig fallen müssen.
Die jetzigen Verhältnisse in Deutschland machen es unmöglich,
den Stand der industriellen Erzeugung zu erreichen, auf den
sich die Besatzungsmächte als absolutes Mindestmaß
einer deutschen Friedenswirtschaft geeinigt hatten. Es ist klar,
daß wir, wenn die Industrie auf den vereinbarten Stand
gebracht werden soll, nicht weiterhin den freien Austausch von
Waren, Personen und Ideen innerhalb Deutschlands einschränken
können. Die Schranken zwischen den vier Zonen Deutschlands
sind weit schwieriger zu überwinden, als die zwischen normalen
unabhängigen Staaten. Die Zeit ist gekommen, wo die Zonengrenzen
nur als Kennzeichnung der Gebiete angesehen werden sollten,
die aus Sicherheitsgründen von den Streitkräften der
Besatzungsmächte besetzt gehalten werden, und nicht als
eine Kennzeichnung für in sich abgeschlossene wirtschaftliche
oder politische Einheiten.
Das war der Gang der Entwicklung, wie er in den Potsdamer Beschlüssen
vorgesehen war, und das ist auch der Gang der Entwicklung, den
die amerikanische Regierung mit ihrer ganzen Autorität
verfolgen wird. Sie hat offiziell ihre Absicht ausgedrückt,
die Wirtschaft ihrer eigenen Zone mit einer oder mit allen anderen
zu vereinigen, die hierzu bereit sind.
Bis jetzt hat sich nur die britische Regierung bereit erklärt,
mit ihrer Zone daran teilzunehmen. Wir begrüßen diese
Zusammenarbeit aufs wärmste. Selbstverständlich soll
diese Vereinigungspolitik nicht jene Regierungen ausschließen,
die heute noch nicht zum Beitritt bereit sind, die Vereinigung
steht ihnen zu jeder Zeit frei.
Wir treten für die wirtschaftliche Vereinigung Deutschlands
ein. Wenn eine völlige Vereinigung nicht erreicht werden
kann, werden wir alles tun, was in unseren Kräften steht,
um eine größtmögliche Vereinigung zu sichern.
So wichtig auch die wirtschaftliche Vereinigung für die
Gesundung Deutschlands und Europas ist, so muß das deutsche
Volk doch einsehen, daß der Hauptgrund seiner Leiden und
Entbehrungen der Krieg ist, den die Nazidiktatur über die
Welt gebracht hat. Aber gerade, weil Leiden und Entbehrungen
in Deutschland unvermeidlich sind, lehnt die amerikanische Regierung
die Verantwortung für ein unnötiges Anwachsen der
deutschen Not ab, die dadurch verursacht wird, daß es
dem Alliierten Kontrollrat nicht gelingt, sich darüber
zu einigen, dem deutschen Volk Gelegenheit zu geben, einige
seiner dringenden wirtschaftlichen Probleme selbst zu lösen:
in vielen lebenswichtigen Fragen wird Deutschland weder vom
Kontrollrat regiert, noch gestattet ihm dieser, sich selbst
zu regieren.
Für einen erfolgreichen Wiederaufbau Deutschlands ist
eine gemeinsame Finanzpolitik wesentlich. Eine unkontrollierbare
Inflation, begleitet von einer wirtschaftlichen Lähmung,
ist fast mit Sicherheit zu erwarten, wenn keine gemeinsame Finanzpolitik
zur Steuerung der Inflation besteht. Ein Programm drastischer
Haushaltsreformen ist dringend erforderlich, um den Währungsumlauf
und die Geldforderungen zurückzuschrauben, die Schuldenlast
zu revidieren und Deutschlands Finanzen auf eine gesunde Grundlage
zu stellen.
Die Vereinigten Staaten haben große Anstrengungen gemacht,
um ein solches Programm zu verwirklichen, wenn aber eine verheerende
Inflation verhindert werden soll, müssen völlig aufeinander
abgestimmte Maßnahmen beschlossen und in allen Zonen einheitlich
angewandt werden. Um ein Programm dieser Art wirksam durchzuführen,
ist eine zentrale Finanzbehörde offensichtlich notwendig.
Es ist auch notwendig, daß ein Verkehrs-, Nachrichten-
und Postwesen in ganz Deutschland ohne Rücksicht auf Zonenschranken
eingeführt wird. Der sich auf ganz Deutschland erstreckende
Aufbau dieser öffentlichen Einrichtungen war in den Potsdamer
Beschlüssen beabsichtigt. Zwölf Monate sind vergangen,
und nichts ist geschehen.
Deutschland benötigt die ganzen Nahrungsmittel, die es
erzeugen kann. Vor dem Kriege konnte es nicht genug Nahrungsmittel
für seine Bevölkerung erzeugen. Das Gebiet Deutschlands
ist verkleinert worden. Die Bevölkerung Schlesiens zum
Beispiel ist in ein verkleinertes Deutschland zurückgedrängt
worden. Besatzungsarmeen und Zwangsverschleppte erhöhen
den Bedarf, während der Mangel an landwirtschaftlichen
Maschinen und Düngemitteln die Versorgungsmöglichkeit
herabsetzt. Um die größtmögliche Erzeugung und
die zweckmäßigste Verwendung und Verteilung der Nahrungsmittel,
die erzeugt werden können, sicherzustellen, müßte
eine zentrale Verwaltungsstelle für Landwirtschaft geschaffen
werden und unverzüglich mit der Arbeit beginnen.
Ebenso ist die Schaffung einer zentralen deutschen Verwaltungsstelle
für Industrie und Außenhandel dringend notwendig.
Deutschland muß bereit sein, seine Kohle und seinen Stahl
mit den befreiten Ländern Europas zu teilen, die von diesen
Lieferungen abhängig sind.
Deutschland muß andererseits in die Lage versetzt werden,
seine Fähigkeiten und Kräfte der Steigerung seiner
industriellen Produktion dienstbar zu machen und für die
zweckmäßigste Verwendung seiner Rohstoffe Sorge tragen
zu können.
Deutschland muß die Möglichkeit haben, Waren auszuführen,
um dadurch so viel einführen zu können, daß
es sich wirtschaftlich selbst erhalten kann. Deutschland ist
ein Teil Europas. Die Gesundung in Europa und besonders in den
Nachbarstaaten Deutschlands wird nur langsam voranschreiten,
wenn Deutschland mit seinen großen Bodenschätzen
an Eisen und Kohle in ein Armenhaus verwandelt wird.
Nachdem die rücksichtslose Nazidiktatur zur bedingungslosen
Kapitulation gezwungen worden war, gab es keine deutsche Regierung,
mit der die Alliierten hätten verhandeln können. Die
Alliierten mußten vorübergehend die Aufgaben des
zertrümmerten deutschen Staates übernehmen, da sich
die Nazidiktatur jeder wahren Rechenschaft dem deutschen Volke
gegenüber enthoben hatte. Die Alliierten konnten die Führer
und Günstlinge des Nazismus nicht in Schlüsselstellungen
belassen, in denen sie ihren Einfluß wieder geltend gemacht
hätten. Sie mußten gehen.
Es war jedoch niemals die Absicht der amerikanischen Regierung,
dem deutschen Volk das Recht zu versagen, seine eigenen inneren
Angelegenheiten wahrzunehmen, sobald es in der Lage sein würde,
dies auf demokratische Art und unter aufrichtiger Achtung der
Menschenrechte und grundsätzlichen Freiheiten zu tun.
Die nur wenige Monate nach der Kapitulation gefaßten
Potsdamer Beschlüsse verpflichteten die Besatzungsmächte,
die örtliche Selbstverwaltung wieder herzustellen und die
Grundsätze einer gewählten Volksvertretung in den
Verwaltungen der Bezirke, Provinzen und Länder einzuführen,
und zwar so bald, wie es mit der militärischen Sicherheit
und den Zwecken der militärischen Besetzung vereinbar ist.
Der Hauptzweck der militärischen Besetzung war und ist,
Deutschland zu entmilitarisieren und entnazifizieren, nicht
aber den Bestrebungen des deutschen Volkes hinsichtlich einer
Wiederaufnahme seiner Friedenswirtschaft künstliche Schranken
zu setzen.
Die Nazikriegsverbrecher sollten für die Leiden, die sie
über die Welt gebracht haben, bestraft werden. Die in den
Potsdamer Beschlüssen enthaltenen Grundsätze für
die Reparationen und die industrielle Abrüstung sollten
durchgeführt werden. Die Ziele der Besetzung sahen jedoch
weder eine lang anhaltende ausländische Diktatur über
die deutsche Friedenswirtschaft, noch eine lang anhaltende ausländische
Diktatur über Deutschlands innerpolitisches Leben vor.
Die Potsdamer Beschlüsse verpflichteten die Besatzungsmächte
ausdrücklich, den Aufbau einer politischen Demokratie von
Grund auf zu beginnen.
Die Potsdamer Beschlüsse sahen nicht vor, daß Deutschland
niemals eine zentrale Regierung haben sollte. Sie bestimmten
lediglich, daß es einstweilen noch keine zentrale deutsche
Regierung geben sollte. Dies war nur so zu verstehen, daß
keine deutsche Regierung gebildet werden sollte, ehe eine gewisse
Form von Demokratie in Deutschland Wurzel gefaßt und sich
ein örtliches Verantwortungsbewußtsein entwickelt
hätte.
Die Potsdamer Beschlüsse bestimmten in weiser Voraussicht,
daß die Verwaltung der deutschen Angelegenheiten auf eine
Dezentralisierung der politischen Struktur und auf die Entwicklung
örtlichen Verantwortungsbewußtseins gerichtet sein
sollte. Dies sollte nicht die Weiterentwicklung zu einer zentralen
Regierung verhindern, welche die erforderlichen Machtbefugnisse
besitzt, um Angelegenheiten zu behandeln, die einheitlich für
ganz Deutschland geregelt werden müssen. Dagegen bestand
die Absicht, die Bildung einer stark zentralen Regierung zu
verhindern, welche das deutsche Volk beherrschen würde,
ohne seinem demokratischen Willen zu entsprechen.
Die amerikanische Regierung steht auf dem Standpunkt, daß
jetzt dem deutschen Volk innerhalb ganz Deutschlands die Hauptverantwortung
für die Behandlung seiner eigenen Angelegenheit bei geeigneten
Sicherungen übertragen werden sollte.
Seit dem Ende der Feindseligkeiten ist mehr als ein Jahr vergangen.
Die Millionen deutscher Menschen sollten nicht gezwungen werden,
in Ungewißheit über ihr Schicksal zu leben. Die amerikanische
Regierung ist der Ansicht, daß die Alliierten dem deutschen
Volk unverzüglich die wesentlichen Friedensbedingungen
klarmachen sollten, deren Annahme und Befolgung sie vom deutschen
Volk erwarten. Wir sind der Ansicht, daß dem deutschen
Volk Erlaubnis und Unterstützung gewährt werden sollten,
die notwendigen Vorbereitungen für eine demokratische deutsche
Regierung zu treffen, die in der Lage ist, diese Bedingungen
anzunehmen und zu befolgen.
Die denkenden Menschen der Welt werden von jetzt ab die Tätigkeit
der Alliierten in Deutschland nicht nach ihren Versprechungen,
sondern nach ihren Leistungen beurteilen. Die amerikanische
Regierung hat die für die Entnazifizierung und Entmilitarisierung
Deutschlands erforderlichen Maßnahmen unterstützt
und wird dies weiterhin tun. Sie glaubt jedoch nicht, daß
große Heere ausländischer Soldaten oder ausländischer
Bürokraten, wie gut ihre Ansichten und Disziplin auch sein
mögen, aufdie Dauer die zuverlässigsten Beschützer
der Demokratie eines anderen Landes sind.
Alles, was die alliierten Regierungen tun können und tun
sollten, ist Richtlinien festzusetzen, nach denen sich die deutsche
Demokratie selbst regieren kann. Die Zahl der alliierten Besatzungskräfte
sollte so beschränkt werden, daß sie genügt,
um die Befolgung dieser Richtlinien zu sichern.
Die Frage für uns ist, welche Kräfte notwendig sind,
um die Sicherheit zu schaffen, daß Deutschland nicht wieder
wie nach dem ersten Weltkrieg aufrüstet. Unser Vorschlag,
einen Vertrag mit den Großmächten zu schließen,
um ihn für 25 oder sogar 40 Jahre beizubehalten, hätte
eine kleinere Besatzungsarmee möglich gemacht. Zu seiner
Durchführung könnten wir uns besser auf ausgebildete
Überwachungsbeamte, als auf die Infanterie verlassen. Wenn
zum Beispiel eine Automobilfabrik den Vertrag verletzt und ihre
Anlagen auf die Herstellung von Kriegsmaterial umstellt, würden
die Überwachungsbeamten dies dem alliierten Kontrollrat
melden und dieser würde die deutsche Regierung auffordern,
die Herstellung zu unterbinden und den Schuldigen zu bestrafen.
Leistet die deutsche Regierung der Aufforderung nicht Folge,
würden die alliierten Nationen Schritte unternehmen, die
Befolgung durch die deutsche Regierung zu erzwingen.
Unser Vorschlag für dieses Abkommen wurde nicht angenommen.
Sicherungsstreitkräfte werden unglücklicherweise wahrscheinlich
noch lange Zeit in Deutschland bleiben müssen. Man darf
mich nicht mißverstehen. Wir wollen uns unseren Verpflichtungen
nicht entziehen. Wir ziehen uns nicht zurück. Wir bleiben
hier und werden unseren Anteil an der Last auf uns nehmen. Solange
die Anwesenheit von Besatzungskräften in Deutschland notwendig
ist, wird die Armee der Vereinigten Staaten einen Teil dieser
Besetzungsmacht bilden.
Die Vereinigten Staaten treten für die baldige Bildung
einer vorläufigen deutschen Regierung ein. Fortschritte
in der Entwicklung der örtlichen Selbstverwaltung und der
Landesselbstverwaltungen sind in der amerikanischen Zone Deutschlands
erzielt worden, und die amerikanische Regierung glaubt, daß
ein ähnlicher Fortschritt in allen Zonen möglich ist.
Die amerikanische Regierung steht auf dem Standpunkt, daß
die vorläufige Regierung nicht von anderen Regierungen
ausgesucht werden soll, sondern daß sie aus einem deutschen
Nationalrat bestehen soll, der sich aus den nach demokratischen
Prinzipien verantwortlichen Ministerpräsidenten oder anderen
leitenden Beamten der verschiedenen Länder zusammensetzt,
die in jeder der vier Zonen gebildet worden sind. Unter Vorbehalt
der Befugnisse des Alliierten Kontrollrats soll der deutsche
Nationalrat für die sachgemäße Erfüllung
der Aufgaben der zentralen Verwaltungsbehörden verantwortlich
sein, die ihrerseits angemessene Machtbefugnisse besitzen sollen,
um die Verwaltung Deutschlands als einer Einheit, wie sie in
den Potsdamer Beschlüssen geplant war, zu sichern.
Der deutsche Nationalrat sollte auch mit der Vorbereitung des
Entwurfes einer Bundesverfassung für Deutschland beauftragt
werden, die unter anderem den demokratischen Charakter des neuen
Deutschlands, die Menschenrechte, und die grundsätzlichen
Freiheiten aller seiner Einwohner sichern soll. Nach grundsätzlicher
Genehmigung durch den Alliierten Kontrollrat wäre die vorgeschlagene
Verfassung einer gewählten Versammlung zur endgültigen
Formulierung vorzulegen und sodann dem deutschen Volk zur Ratifizierung
zu unterbreiten.
Während wir darauf bestehen werden, daß Deutschland
die Grundsätze des Friedens, der gutnachbarlichen Beziehungen
und der Menschlichkeit befolgt, wollen wir nicht, daß
es der Vasall irgendeiner Macht oder irgendwelcher Mächte
wird oder unter einer in- oder ausländischen Diktatur lebt.
Das amerikanische Volk hofft, ein friedliches und demokratisches
Deutschland zu sehen, das seine Freiheit und Unabhängigkeit
erlangt und behält.
Nun ist es auch Zeit, die Grenzen des neuen Deutschlands festzusetzen.
Österreich ist bereits als freies und unabhängiges
Land anerkannt worden. Seine zeitweilige und erzwungene Vereinigung
mit Deutschland war für beide Länder kein glücklicher
Zustand, und die Vereinigten Staaten sind überzeugt, daß
es im Interesse beider Länder und des Friedens für
Europa liegt, wenn jedes seinen eigenen Weg geht.
In Potsdam wurden, vorbehaltlich einer endgültigen Entscheidung
durch die Friedenskonferenz, bestimmte Gebiete, die einen Teil
Deutschlands bildeten, vorläufig der Sowjetunion und Polen
zugewiesen. Damals waren diese Gebiete von der Sowjetarmee und
von der polnischen Armee besetzt. Es wurde uns gesagt, daß
die Deutschen aus diesen Gebieten in großer Zahl flüchteten
und daß es im Hinblick auf die durch den Krieg hervorgerufenen
Gefühle tatsächlich schwierig sein würde, das
wirtschaftliche Leben dieser Gebiete wieder in Gang zu bringen,
wenn diese nicht als integrale Bestandteile der Sowjetunion
beziehungsweise Polens verwaltet würden.
Die Staatsoberhäupter erklärten sich damit einverstanden,
bei den Friedensregelungen den Vorschlag der Sowjetregierung
hinsichtlich der endgültigen Übertragung der Stadt
Königsberg und des anliegenden Gebietes an die Sowjetunion
zu unterstützen. Sofern die sowjetische Regierung ihre
Auffassung diesbezüglich nicht ändert, werden wir
an diesem Abkommen festhalten.
Was Schlesien und andere ostdeutsche Gebiete anbetrifft, so
fand die zu Verwaltungszwecken erfolgte Übergabe dieses
Gebietes durch Rußland an Polen vor der Potsdamer Zusammenkunft
statt. Die Staatsoberhäupter stimmten zu, daß Schlesien
und andere ostdeutsche Gebiete bis zur endgültigen Festlegung
der polnischen Westgrenze durch den polnischen Staat verwaltet
und zu diesem Zwecke nicht als Teil der russischen Besatzungszone
in Deutschland angesehen werden sollten. Wie aus dem Protokoll
der Potsdamer Konferenz hervorgeht, einigten sich die Staatsoberhäupter
jedoch nicht dahingehend, die Abtretung eines bestimmten Gebietes
zu unterstützen.
Rußland und Polen haben schwer durch Hitlers einfallende
Armeen gelitten. Durch das Abkommen von Jalta hat Polen an Rußland
das Gebiet östlich der Curzon-Linie abgetreten. Polen hat
dafür eine Revision seiner nördlichen und westlichen
Grenzen verlangt. Die Vereinigten Staaten werden eine Revision
dieser Grenzen zugunsten Polens unterstützen. Der Umfang
des an Polen abzutretenden Gebietes kann jedoch erst entschieden
werden, wenn das endgültige Abkommen darüber getroffen
ist.
Die Vereinigten Staaten finden, daß sie Frankreich, in
welches Deutschland innerhalb von 70 Jahren dreimal eingefallen
ist, seinen Anspruch auf das Saargebiet, dessen Wirtschaft mit
Frankreich eng verbunden ist, nicht verweigern können.
Natürlich müßte Frankreich, wenn ihm das Saargebiet
eingegliedert wird, seine Reparationsansprüche an Deutschland
entsprechend ändern.
Von diesen Veränderungen abgesehen, werden die Vereinigten
Staaten keine Eingriffe in unbestritten deutsches Gebiet oder
eine Aufteilung Deutschlands, die nicht dem echten Willen der
Bevölkerung entspricht, unterstützen.
Soweit den Vereinigten Staaten bekannt ist, wünscht die
Bevölkerung des Ruhrgebiets und des Rheinlandes, mit dem
übrigen Deutschland vereinigt zu bleiben, und die Vereinigten
Staaten werden sich diesem Wunsch nicht widersetzen.
Obgleich die Ruhrbevölkerung dem Nazieinfluß als
letzte erlegen war, ist es Tatsache, daß die Nazis ohne
alle Hilfsmittel des Ruhrgebietes niemals hätten die Welt
bedrohen können. Nie wieder dürfen diese Hilfsmittel
für Zerstörungszwecke benutzt werden. Sie müssen
für den Wiederaufbau eines freien und friedlichen Deutschlands
und eines freien und friedlichen Europas Verwendung finden.
Die Vereinigten Staaten werden für solche Kontrollmaßnahmen
für ganz Deutschland, einschließlich des Ruhrgebietes
und des Rheinlandes, eintreten, die aus Sicherheitsgründen
erforderlich sind. Sie werden helfen, diese Maßnahmen
durchzusetzen. Sie werden jedoch nicht für solche Maßnahmen
eintreten, die Ruhrgebiet und Rheinland - unmittelbar oder mittelbar
- einer politischen Beherrschung oder politischen Manipulation
seitens ausländischer Mächte unterwerfen.
Das deutsche Volk empfindet heute die verheerenden Folgen des
Krieges, den Hitler und seine Günstlinge über die
Welt gebracht haben. Andere Völker bekamen diese verheerenden
Folgen lange vor dem deutschen Volk zu spüren. Das deutsche
Volk muß einsehen, daß es Hitler und seine Günstlinge
waren, die unschuldige Männer, Frauen und Kinder quälten
und ausrotteten und die versuchten, mit den deutschen Waffen
die Welt zu beherrschen und zu erniedrigen. Es waren die gesammelten
zornentbrannten Kräfte der Menschheit, die sich den Weg
nach Deutschland hinein erkämpfen mußten, um der
Welt die Hoffnung auf Freiheit und Frieden zu geben.
Das amerikanische Volk, das für die Freiheit gekämpft
hat, hat nicht den Wunsch, das deutsche Volk zu versklaven.
Die Freiheit, an welche die Amerikaner glauben und für
die sie kämpfen, ist eine Freiheit, an der alle teilhaben
sollen, die gewillt sind, die Freiheit anderer zu achten.
Die Vereinigten Staaten haben fast alle in ihrem Lande befindlichen
Kriegsgefangenen nach Deutschland zurückgeschickt. Wir
unternehmen unverzüglich Schritte, um die in anderen Teilen
der Welt in unserer Hand befindlichen deutschen Kriegsgefangenen
baldigst zurückzusenden.
Die Vereinigten Staaten können Deutschland die Leiden
nicht abnehmen, die ihm der von seinen Führern angefangene
Krieg zugefügt hat. Aber die Vereinigten Staaten haben
nicht den Wunsch, diese Leiden zu vermehren oder dem deutschen
Volk die Gelegenheit zu verweigern, sich aus diesen Nöten
herauszuarbeiten, solange es menschliche Freiheit achtet und
vom Wege des Friedens nicht abweicht.
Das amerikanische Volk wünscht, dem deutschen Volk die
Regierung Deutschlands zurückzugeben. Das amerikanische
Volk will dem deutschen Volk helfen, seinen Weg zurückzufinden
zu einem ehrenvollen Platz unter den freien und friedliebenden
Nationen der Welt."
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